It’s our tradition
Die Tage auf dem Land, geprägt von unglaublicher Gastfreundschaft, haben mich jetzt qualifiziert mal etwas über die kirgisischen Sitten, Bräuche und „Traditionen“ zu schreiben.

So, Gast, Du kommst also zu einer kirgisischen Familie in ihr Haus. Zuerst ziehen wir mal die Schuhe aus, denn drinnen wird zu 100% Wahrscheinlichkeit alles mit Teppich (und es sollte schon ein kirgisischer Shyrdak sein) ausgelegt sein. Deshalb wirst Du das nächste mal, wenn Du nach Kirgisitan fährst, auch richtiges Schuhwerk mitnehmen und keine Trekkingschuhe, die 100m Schnürsenkel haben. Aber das nur nebenbei. Du betrittst also das Haus und man wird, quasi während Du Dich hinein bewegst, schon wie wild Decken auf den Boden werfen und Dich bitten, sich hinzusetzen. Mach das dann bitte auch, sonst muessen das Deine Gastgeber solange wiederholen bis Du das endlich tust. Jetzt wird der Tisch hingestellt oder eine Tischdecke auf dem Boden vor Dir hingelegt und man fragt Dich ob Du Tee möchtest. Du möchtest immer Tee!!! Tee reicht man immer einem Gast, egal wie kurz der bleibt. Das Ritual ist auch ganz interessant. Man bringt eine Kanne und die dazugehören Schalen. Jetzt wird Tee in die erste Schale gegossen. Kurzer Blick. Zurück in die Kanne. Ah ja, scheint wohl noch nicht so richtig durchgezogen zu sein. Naja, wir koennen ja noch 5 Minuten warten. Haha, ganz falsch! Sobald der Tee zurückgegossen wurde, wird die Schale schon wieder gefüllt, geschaut und zurück in die Kanne. Und ein drittes Mal! Erst dann wird die Schale zur eigentlichen Verwendung (Tee TRINKEN) gefüllt. Nur wird der Tee gereicht, und zwar zuerst vom ältesten zum jüngesten Gast und dann den anderen, ebenfalls nach Lebensjahren. Da Tee allein nicht fetzt, gibt es immer Brot dazu.

Brot ist in Kirgisistan heilig und da geibt es auch einiges zu beachten. Brot wird niemals geschnitten sondern immer gebrochen. Der Gastgeber kümmert sich meistens auch gleich darum und verteilt die Stücken Brot unter den Beteiligten. Dann sollte man noch Wissen, das Brot immer richtig herum auf dem Tisch liegen muss, also der Boden unten. Warum das so sein muss konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Auch darf Brot nicht den Boden berühren und nicht weggeworfen werden. Wenn man es sich richtig mit einer Familie versauen will kann man folgendes machen: Man nimmt ein Brot, wirft es auf den Boden und tritt drauf. Dann kann man sich verabschieden, weil man ein Leben lang unten durch ist. Das wird niemand machen, aber es ist ein guter Tipp und soll schon vorgekommen sein, wenn eine Frau nicht mir ihrem zukünftigen (von Mutti gewählten) Ehemann einverstanden war. Dazu aber vielleicht ein eigenes Kapitel später.

Jedenfalls sitzt Du nun da, bei Tee und Brot, und denkst: „Hmm, vielleicht ein Stück Käse dazu, das mundet bestimmt.“ Wieder falsch gedacht. Man wird den kompletten Kühlschrank vor Dir ausbreiten, alle Möglichen Tiere für Dich schlachten und kochen, braten, backen bis es nicht mehr geht. Da hilft auch kein „Wir hatten doch vor 2 Stunden Mittag“. Da ist man einfach chancenlos. Wenn man da nur ein paar Tage macht, das mag das gehen, aber auf länger Zeit geht das schon ein wenig auf die Figur, denn die Kirgisen mögen es gern fettig und als Gast bekommt man natürlich die volle Schwarte auf den Teller, verbunden mit minütlichen Nachfragen, warum man denn das schöne Stück verschmäht. Das beste ist hier, sich stöhnend auf den Bauch zu fassen und einen auf „Ich würde ja gern, aber ich platze gleich“ zu machen. Wir durften den Klassiker: „ein Schaaf wird geschlachtet“ erleben, auch weil gerade Oruza-Zeit ist, doch man hat uns nicht „das Beste“ auf den Teller gegeben, wie es schon anderen Gästen passiert ist. (Das Beste ist der Kopf, mit allem was dazugehört.) Glück gehabt.

Jetzt kommt der heikle Teil. Die Gastgeberin fragt Dich, ob Du Alkohol trinkst und Du nicht ein kleines Gläschen, vom guten Kirgisischen, probieren willst. „Tolko odin“ – wie gesagt muss man doch mal probiert haben. Du denkst, ja so ein kleines Verdauungsschnäpschen, das kommt schon gut und beim Griechen um die Ecke ist der Ouzo ja auch im Preis inbegriffen. Aber, mein Freund, wenn Du jetzt JA sagst, dann hast Du so verloren, das glaubst Du gar nicht. Der Erste wird eingeschenkt mit der Drohung, wenn man nicht alles trinkt, gibts nen Neuen. Du denkst: „Na alles klar, kipp ich das Zeug hinter und gut is.“ Gesagt, getan und schmeckt ja auch ganz lecker. Man erkundigt sich auch danach und während man wohlwollend den Geschmack preist, ist das Glas schon wieder voll. Du denkst jetzt, hmm ich hab wohl noch gar nicht getrunken und es folgt ein neuer Toast und „weg damit“. Jetzt bekommt Du das erste mal mit, das Dein Glas wieder eufgefüllt wird. Upps, da ist Deinem Gastgeber doch ein Fehler unterlaufen, Du hast doch alles ausgetrunken aber naja, einer geht noch. Irren ist ja schließlich menschlich. Du trinkst also den Dritten und behälst diesmal Dein Glas ganz genau im Auge. Jetzt will der doch tatsächlich noch einen eingießen. Du gestikulierst freundlich, dass Du keinen mehr haben mehr willst. Aber zu spät, Du willst es noch nicht glauben aber Du sitzt schon lange in der Falle! Auf Russisch gibt man Dir zu verstehen, dass es ja nur noch ein Kleiner ist. Alle Augen sind auf Dich gerichtet, alle reden auf Dich ein, freundlich lächelnd schaust Du in die Runde und endeckst die Flasche. WAS FÜR EIN GLÜCK, die ist ja fast alle, also nimmst Du den Letzten noch an und dann ist ja eh Schluss. Merke Dir: Es ist nie vorbei!!! Plötzlich steht die nächste Flasche auf dem Tisch. Du spürst den kalten Schauer auf Deinem Rücken, der Alkohol lässt Deinen Angstschweiss noch schneller hervortreten. Jetzt realisierst Du: Das wars! Ich hab verloren! Jetzt kann mir keiner mehr helfen. Dein natürlicher Überlebenswille lässt reflexartig die kreativsten Ausreden aus Dir heraussprudeln. Doch Dein Gastgeber ist darauf vorbereitet. Auf einmal kann er Englisch sprechen und es kommen die 3 Worte die jeder Ausländer in Kirgisistan fürchtet: „It´s our tradition!“ Diesen Satz wirst Du jetzt 100fach hören, bis Dein Glas wieder gefüllt ist. Und wie gesagt, es ist nie vorbei!
Keine Sorge, als emanzipierter Europäer kannst Du „Nein“ sagen und brauchst ab dann lediglich den längeren Atem. Aber es hat funktioniert :-)


hmmm… ich mag an besten Sachfsgehirn.
Die Leute, die in Süden Kirgisistan leben? So sehen sie aus.
„Wenn man es sich richtig mit einer Familie versauen will kann man folgendes machen: Man nimmt ein Brot, wirft es auf den Boden und tritt drauf.“
Hahaha! :-) Sehr gut geschrieben! Die Blicke der Familie möchte ich dann aber nicht sehen. :-)